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Gemeindebote der Evangelisch-Lutherischen Christuskirche Schnaittach
 
AUS DEM EV. KINDERGARTEN "DIE ARCHE"

Jahreslosung für 2012:
"Meine Kraft ist in den
Schwachen mächtig."
(2. Korinther 12,9)

" Apostelgeschichte 15,36-41"

Gottesdienst „spezial“ – Sonntag, 28.01.2007, 10.30 Uhr

Evang.-Luth. Christuskirche Schnaittach
„Zoff, Streit und Trennung“
Von einem Leben nach dem Scheitern

ernüchtert – überrascht – beweint – gestärkt

 

Liebe Gemeinde,

(1.) wir alle wünschen uns Harmonie und Frieden, freundliche Menschen, die gerne beieinander sind, wo einer auf den anderen Rücksicht nimmt, eine Gemeinschaft voller Fröhlichkeit.

Aber die Wirklichkeit zeigt, wie es oft genug in Wahrheit ist:

Da gibt es Zoff und Ärger, zuerst kommt das Ego, man ist genervt. - Aus dieser Spannung kommen wir offenbar nicht heraus.

Da ist einerseits der tiefe Wunsch nach Gemeinschaft, nach Gespräch und Austausch, nach gegenseitiger Hilfe und gemeinsamer Freude, nach Wärme und Geborgenheit. Und andererseits ist da die bittere Erfahrung, dass es das offenbar nicht gibt ohne Streit und Konflikt, ohne Auseinandersetzung und Enttäuschung, ohne Schuld und Verletzung.

Auf der einen Seite sind wir darauf angelegt, in Gemeinschaft zu leben. Auf der anderen Seite tun wir uns gegenseitig weh, und zwar umso mehr, je näher wir einander kommen.

Und wenn ich ehrlich bin, dann trifft diese bittere Erfahrung auch mich selbst. In der Gemeinschaft mache ich einen besonderen Selbsterfahrungskurs: Ich lerne mich kennen. Das ist ja eine besondere Form der Drohung: „Du sollst mich noch kennen lernen!“ In der Gemeinschaft muss es heißen: „Du sollst dich noch kennen lernen!“ Und zwar von einer Seite, die dir gar nicht gefällt, über die du erschrickst: Da schauen wir in den Spiegel und sehen nicht mehr bloß den hilfsbereiten, gesprächsfähigen, netten Menschen, der zu sein wir uns doch Mühe geben. Wir sehen auch das hässliche, streitsüchtige, eigensinnige, ich-besessene andere Gesicht und merken: Wir selbst sind es, die oft genug kaputt machen, was sie lieben.

Wir selbst sind es, die zutiefst gemeinschaftsunfähig sind.

Beispiele könnte wohl jeder von uns in Hülle und Fülle aufbieten: Unsere Beziehungen am Arbeitsplatz könnten davon etwas verraten. Unsere Kinder könnten Geschichten davon erzählen, traurige und wütende. Unsere Lebenspartner können etwas davon verraten. Aus der Geschichte unserer Kirchengemeinde könnte man manches dazu illustrieren.

Robert Schumann, ein früherer französischer Außenminister, wurde einmal gefragt, warum er nie geheiratet habe. Er erzählte, er habe einmal vor langer Zeit an der U-Bahn eine fremde Dame versehentlich auf den Fuß getreten. Bevor er sich entschuldigen konnte, kreischte sie ihn an: Du Trottel, kannst du denn nicht aufpassen, wo du hintrittst! Dann erst habe sie ihn angesehen, sei errötet und habe gestammelt: O entschuldigen Sie bitte, ich habe gedacht, es wäre mein Mann.

Merken Sie das: In der engsten Beziehung vermögen wir einander am heftigsten zu verwunden. Da schlägt tiefe Zärtlichkeit um in Zorn, dann in Respektlosigkeit und Verachtung: Du Trottel, kannst du denn nicht aufpassen, wo du hintrittst?

(2. ) In der Bibel wird auch von solchen Erfahrungen berichtet.

Ich habe für heute eine solche Geschichte ausgewählt.

Um es gleich vorweg zu sagen: Es ist keine Geschichte nach dem Motto: Ja, ja, so geht es in der Welt zu, aber bei uns Christen, da ist alles viel besser.

Es ist eine Geschichte von zwei Freunden.

Lukas erzählt sie in der Apostelgeschichte.

Der eine heißt Paulus, ist ein gelehrter Jude und römischer Bürger. Er kam erst spät mit dem Glauben der Christen in Kontakt. Das aber stellte sein Leben auf den Kopf. So leidenschaftlich er früher die Christen bekämpfte, so leidenschaftlich warb er jetzt als Reisender in Sachen Jesus Christus für diesen Glauben. Er bereiste die gesamte damals bekannte Welt, rund um das Mittelmeer, und gründete christliche Gemeinden.

Der andere hieß Josef Barnabas, ein reicher Jude aus Zypern. Dieser Josef Barnabas war auch irgendwann Christ geworden und er fand den Mut zu einem ziemlich radikalen Schritt: Er verkaufte sein Hab und Gut und stellte das Geld der christlichen Gemeinde zur Verfügung.

Diese beiden fanden irgendwie zueinander. Zusammen wurden sie auf die Reise geschickt. Sie sollten predigen und Gemeinden gründen. Zusammen erlebten sie, wie sich Juden und Heiden für den neuen Glauben entschieden. Zusammen erlitten sie bittere Niederlagen. Sie wurden ins Gefängnis geworfen und aus den Städten gejagt. Zusammen kämpften sie in der jungen Christenheit darum, dass es keine Schranken mehr geben dürfe. Jeder Mensch, ohne Bedingungen und Vorleistungen, sollte dazugehören dürfen und sich von Gott geliebt und angenommen wissen. Zusammen freuten sie sich über den Durchbruch in dieser Sache. Das war bei einer ersten großen Konferenz der Christen in Jerusalem.

Die beiden waren also wie Pech und Schwefel. Das war kein Zweckbündnis auf Zeit Das war keine so genannte Männerfreundschaft, wie wir sie aus der politischen Elite kennen. Das war keine unfreiwillige Arbeitsgemeinschaft. - Da war eine tiefe Verbindung aus persönlicher Freundschaft, aus gemeinsam Erlittenem und geteilter Leidenschaft.

Diese beiden saßen nun in der Stadt Antiochia und planten die nächste große Reise. Eine Inspektionsreise sollte es werden:

Sie wollten schauen, wie es den Gemeinden denn nun gehe.

Ich lese Apostelgeschichte, Kapitel 15, die Verse 36-41:

36 Nach einigen Tagen sprach Paulus zu Barnabas: Lass uns wieder aufbrechen und nach unsern Brüdern sehen in allen Städten, in denen wir das Wort des Herrn verkündigt haben, wie es um sie steht. 37 Barnabas aber wollte, dass sie auch Johannes mit dem Beinamen Markus mitnähmen. 38 Paulus aber hielt es nicht für richtig, jemanden mitzunehmen, der sie in Pamphylien verlassen hatte und nicht mit ihnen ans Werk gegangen war. 39 Und sie kamen scharf aneinander, so dass sie sich trennten. Barnabas nahm Markus mit sich und fuhr nach Zypern. 40 Paulus aber wählte Silas und zog fort, von den Brüdern der Gnade Gottes befohlen. 41 Er zog aber durch Syrien und Zilizien und stärkte die Gemeinden. ( Apg. 15,36-41)

(3.) So weit der Bericht des Lukas aus der Apostelgeschichte.

Zwischen Paulus und Barnabas kommt es also zum Bruch. Es geht um keine große Sache, es geht um eine Beziehungskiste. Es geht um einen jungen Mitarbeiter, Johannes Markus mit Namen. Der hatte sie auf der ersten großen Reise im Stich gelassen. Barnabas sagt: Der muss doch eine zweite Chance kriegen! Paulus dagegen bleibt beinhart: Kommt nicht in Frage. Wir können uns nicht noch so eine Pleite leisten. Wir müssen uns auf jeden verlassen, der mit auf die Reise geht. Der nicht!

Mancher denkt jetzt: Naja, das ist ja eine fromme Geschichte. Ich weiß schon wie es weiter gehen müsste: Die haben sich tüchtig die Meinung gesagt und dann doch geeinigt. Sie haben eine Weile miteinander gestritten, dann hat einer von beiden voller Einsicht nachgegeben. Sie haben wahrscheinlich innig gebetet und sind sich dann reumütig in die Arme gefallen. So müsste es doch weitergehen, „und wenn sie nicht gestorben sind, dann...“

Doch genau so geht es nicht weiter. Sie geraten scharf aneinander, heißt es da. Zoff in der Gemeinde, unfreundliche Reden, scharfe Worte, erhitztes Gegeneinander - und am Ende - die Trennung. Eine Geschichte ohne Happy end: Paulus geht seiner Wege und reist mit einem neuen Mitarbeiter nach Norden. Barnabas schnappt sich den Johannes Markus und reist nach Westen, in die zypriotische Heimat. Sie haben sich, soweit wir wissen, nie wieder getroffen. Paulus wird später in Rom wegen seines Glaubens eingekerkert. Die Spur des Josef Barnabas verliert sich in Zypern. Keine Aussprache, keine Versöhnung. Stattdessen: Scheitern im Streit, Scheidung als Ende eines gemeinsamen Weges. Und so etwas wird uns ganz nüchtern in der Bibel erzählt.

Nun könnte man aber doch wenigstens annehmen, dass das christliche Management sich blitzschnell und in aller Deutlichkeit von den beiden distanziert. Aber auch davon hören wir nichts. Als Paulus aufbrach heißt es sogar von der Gemeinde „wurde er der Gnade Gottes befohlen“ (V 15).

Aber wenigstens der oberste Chef der beiden wird sich doch wohl von den beiden distanzieren. Es wird ein himmlisches Donnerwetter geben und die beiden wird ein höllisches Feuer erwarten.

GOTT ist doch der, der aufpasst, was wir tun. ER straft doch kleine Sünden sofort, größere etwas später. Oder nicht? Ist ER es nicht, der als oberster Polizeibeamter an jedem Tatort zu finden ist? Ist er es nicht, der sorgsam alle Verfehlungen notiert und uns irgendwann spüren lässt, dass wir unser Leben verfehlt haben? So denkt man sich Gott doch oft genug. ER belohnt den Guten und bestraft den Bösen. Oder tut er das nicht?

(4.) Sehen Sie, Paulus und Barnabas leben davon, dass Gott so nicht ist. Paulus war ein Mensch, der gelernt hat, in den Spiegel zu gucken. In einem seiner Bücher schreibt er das auf: „Das Gute, das ich tun will, tue ich nicht; aber das Böse, das ich nicht will, das tue ich" (Röm 7,19).

ist das nun das Ende einer christlichen Laufbahn? Auch das hat Paulus durchdacht. Und er sagt: Wir unterschätzen Gott, wenn wir meinen, er könne nur die Braven und die Guten lieben. Nein, Gott macht vor, was es heißt, den Feind zu lieben.

Gott tut es weh, es schmerzt ihn, wenn seine Menschenkinder einander so wehtun und nicht im Frieden miteinander auskommen. Es schneidet ihn ins Fleisch, wenn seine Menschenkinder sich gegenseitig das Leben schwer machen, wenn sie zerstören, was sie doch lieben. Es bricht ihm das Herz, wenn seine Leute wie Paulus und Barnabas nicht tun, was gut für sie wäre und was seinem Willen entspräche. Die Scheidung zwischen den beiden Freunden tut ihm weh, so wie ihn unsere Unfähigkeit zur Gemeinschaft schmerzt.

Aber er spielt das Spiel nicht mit: Er ist nicht so wie wir. Er lässt sich nicht von uns scheiden. Im Gegenteil: Er unternimmt alles, um uns wieder auf die Beine zu helfen, wenn wir gefallen sind. Wenn wir es mit ihm zu tun bekommen, dann bekommen wir es mit dem Einen zu tun, der sich nicht von uns scheiden lässt. Und wenn er um unser Vertrauen wirbt, dann nicht, um uns vorzuhalten, wie viel in unserem Leben danebengegangen ist, durch eigene und anderer Menschen Schuld.

Dies ist übrigens keine fromme Spekulation. So haben wir Weihnachten gefeiert. Gott sich tief zu uns herabgebückt. In der hilflosen Gestalt eines Kindes ist er auf diese Erde gekommen. „Siehe, ich will ein Neues schaffen“ , spricht der Herr. „Ich lasse dich nicht fallen!“ -„Ich überlasse euch nicht eurem Schicksal - ich komme zu euch." - „Es sei, wie es sei, ich lasse mich von euch nicht scheiden."

(5.) Was bedeutet das für unsere Geschichte?

Paulus und Barnabas werden gewusst haben, wie sehr sie den Willen Gottes mit Füßen getreten haben. Denn Gott will nicht den Bruch. Das gefährdet seine Sache. Jesus sagt einmal: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt“. Aber wenn ihr das nicht tut, wenn euch die Versöhnung nicht gelingt, - wie sollen die Menschern dann Vertrauen zu Gott fassen?

Sie werden auch getrauert haben um ihre verlorene Beziehung. So etwas macht man nicht nebenbei und geht dann wieder zur Tagesordnung über. Das braucht Zeit. Und es tut weh.

Sie werden zu Gott gekommen sein mit ihrer Klage, mit ihrem Versagen, mit ihrer Begrenztheit, mit ihrer Bitte um Vergebung . Nur auf dem Boden der Vergebung kann Neues wachsen.

Aber sie haben erfahren, dass Gott sie nicht abgeschrieben hat. Und damit werden die beiden zu einem Modell: Auch mit Schuld und Scheitern sind wir bei Gott nicht abgeschrieben. Darum geht es uns, das möchten wir gerne weitersagen:

Zum einen : Gott ist der Eine, der uns kennt, bis in die letzten Winkel unseres Herzens, der unsere Stärken kennt, aber auch unsere Abgründe, und der uns dennoch nicht verachtet und nicht ablehnt. Gott ist der Eine, der uns kennt und doch liebt, mit unserer Geschichte und unseren Geschichten.

Und zum anderen : Wer das erlebt, bei dem wird sich auch etwas tun. Die alten Geschichten können ausheilen. Und ein neues Zutrauen kann entstehen: Ich kann mich wieder auf Menschen einlassen. Ich weiß, wie sie sind, und ich weiß, wie ich bin. Aber ich habe eine Quelle der Kraft: Ich lerne es, mich zu öffnen und bereit zu sein für Gesten und für Schritte zur Versöhnung.

Und ich spüre, wie gut das tut. Ich schäme mich, wenn ich an mein eigenes Versagen denke. Aber ich lerne auch, meine Meinung zu sagen und auszudrücken, was ich brauche; und ich lerne von dem großen Bergprediger, auch dem anderen zu gönnen, was ich mir selbst erhoffe.

Ich lerne aber auch , den anderen zu sehen, mit dem, was er braucht. Nicht eine Gemeinschaft ohne Streit ist das Ziel, im Gegenteil. Ich werde immer ganz nervös, wenn mir ein Brautpaar erzählt, es hätte sich noch nie gestritten. O nein, Streiten muss sein, und ein Streit, der die Atmosphäre klärt, in dem die Dinge nicht länger unter den Teppich gekehrt werden, der hat am Ende sogar etwas Verbindendes. Streiten muss sein, aber ein Streiten, in dem wir den Respekt füreinander nicht verlieren und das Augenmaß, ein Streiten, das einen Weg sucht für beide und nicht einen Sieger und einen Besiegten.

Weiter : Ich erfahre, wie Gott mein Versagen nicht aufrechnet, sondern mein Schuldenkonto wieder ausgleicht, und ich lerne ganz allmählich, auch dem anderen nicht wie ein Staatsanwalt die Verschuldungen der letzten Jahre hinterher zu tragen. Dann werden wir immer noch aneinander schuldig und unser Bild voneinander wird ganz nüchtern. Aber die Schuld muss uns jetzt nicht mehr voneinander scheiden. Wir lernen, einander zu verzeihen, wie wir es selbst brauchen, dass uns Verzeihung widerfährt.

So ist das, wenn wir es mit Gott zu tun bekommen. Wir Christen sind da immer wieder Anfänger. Wie sagen die Kinder? „Erstklässler - Babyfläschler“. Schauen Sie nur auf Paulus und Barnabas. Oder fragen Sie nur mal meine Frau und meine Kinder.

Es ist nicht schlimm hinzufallen, schlimmer ist es, liegen zu bleiben. Es ist nicht schlimm, solange wir den eigenen Anteil an Verantwortung wahrnehmen und um Vergebung bitten und bereit sind Vergebung zu gewähren. Es ist kein Untergang, solange wir uns nur der heilenden Kraft Gottes aussetzen.

Was also ist der Beitrag der Christen zu diesem Thema?

Erstens: Nüchternheit - wir haben es ja immer schon geahnt, jetzt wird es uns in der Urkunde des Glaubens bestätigt: Christen sind auch nicht besser - sie fahren ebenso häufig vor den Baum wie die anderen. Das ist die Realität. Und diese Realität ist meist noch schlimmer, als wir uns das vorstellen können.

Zweitens: Überraschung - das haben wir vielleicht noch nicht gewusst - trotz und mit unseren verpfuschten Lebensgeschichten lässt Gott sich nicht von uns scheiden. Er wirft nicht weg, was sich wie umgeworfen vorkommt. Er tritt nicht, was da hinfällt. Er kennt uns und liebt uns dennoch.

Drittens: Reue. Ja, wer diese Liebe erfährt, der sieht auch seinen Anteil an dem Scheitern. Der erkennt sein eigenes Versagen. Er sieht ein: Ich hätte früher und offner reden sollen. Das hätte der Gemeinschaft vielleicht noch eine Chance gegeben. - Zum Scheitern gehören immer zwei. Beide tragen Verantwortung. Im Nachhinein sehe ich das. Und es tut mir von Herzen leid. Herr, vergib uns unsere Schuld.

Viertens: Kraft - wer diese Liebe erfährt, bekommt neuen Mut zur Gemeinschaft, auch zum munteren Streiten, aber auch dazu, dem anderen wieder die Hand entgegenzustrecken.

Amen.



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