 |
" 1. Korinther 2, 1-10"
Gottesdienst am Sonntag Estomihi, 18.02.2006
Evang.-Luth. Christuskirche Schnaittach
Was muss ein Pfarrer eigentlich unbedingt können?
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Lesung 1. Korinther 2,1-10
(1) Liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen, oder zu bezeugen. (2) Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen, als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. (3) Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern. (4) Und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, (5) damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. (6) Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. (7) Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, (8) die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat. Denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. (9) Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht: „Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschenherz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben“(Jes.64,3) . (10) Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist. Denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.
Liebe Gemeinde,
Was muss eigentlich ein Pfarrer unbedingt können?
Immer, wenn eine Pfarrstelle neu zu besetzen ist, tritt der Kirchenvorstand zusammen. So ist das auch z.Zt. bei uns. Die halbe Stelle von Pfarrer B. soll ja wieder neu besetzt werden. Die Kirchenvorsteher beraten also und überlegen: Wie soll der Pfarrer sein? Was wünscht man sich? Und da bildet sich dann so ein Anforderungsprofil heraus. Entsprechend wird dann die Ausschreibung formuliert. Die erscheint im kirchlichen Amtsblatt. Da liest man z.B.: Die Gemeinde wünscht sich einen Pfarrer, der jung sein soll und gleichzeitig über eine große Lebenserfahrung verfügt. Er soll dynamisch sein, beweglich und zugleich standfest. Missionarisch soll er sein und auch offen. Hier soll er das tun und dort jenes anpacken, usw. Man hat sich oft gesagt, das gibt es ja gar nicht, dass in ein und derselben Person alles das, was hier oft gewünscht wird, miteinander verbunden sein kann.
Natürlich soll ein Pfarrer kontaktfreudig sein und Rede begabt, leistungsfähig, unermüdlich und von robuster Gesundheit, bei Jung und Alt gleich gut ankommen und, naja, was man sich da so alles wünschen kann, von einem Pfarrer: Organisationstalent, müsste er haben, und ein sicheres Auftreten. Also, auf alle Fälle soll er eine gute Figur machen.
(1.) Und Paulus?
Natürlich ist im Lauf der Jahre vielen aufgefallen, dass da eine Unstimmigkeit besteht zwischen den Anforderungen, die da formuliert werden, und dem, wie der Apostel Paulus sich hier selber schildert. Und manch einer hat sich den Spaß gemacht, sich einmal ein Bewerbungsschreiben des Apostel Paulus auszudenken, der wahrscheinlich nirgendwo genommen worden wäre. Denn wer wünscht sich schon einen Pfarrer, der viele Schwächen hat? Das heißt, der einfach vieles nicht kann, und der statt sicher und selbstbewusst aufzutreten, furchtsam ist, und den man manchmal zittern sieht. So beschreibt Paulus sein Auftreten, „so war ich bei euch“, „in Schwachheit, in Furcht und mit starkem Zittern“ ! Lauter Mängel. Und auch sein Reden scheint nicht großartig gewesen zu sein. Keine mitreißende Redekunst, keine zwingende Beweisführung, kein überzeugender Vortrag.
Aber Paulus schreibt hier nicht einen Abschiedsbrief. Er ist hier nicht dabei, endlich einzuräumen, dass er völlig ungeeignet war!
Vor Jahren hat einmal ein US-Präsident so oft betont, dass er nicht Fachmann ist auf vielen Gebieten der Regierungsverantwortung. Er sagte: Also ich bin kein Diplomat. Von Finanzen versteh ich nichts. Ich habe auch kein Organisationstalent, usw. Schließlich fragten die Journalisten verständlicherweise: „Wann wird er den endlich sagen, ich bin kein Präsident?“
(2.) Ein Zeuge für Gott
Aber Paulus sagt hier: „ Liebe Geschwister, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen, oder zu bezeugen .“ Er meint also: Ich war bei euch als ein Zeuge für Gott . Ich bin gekommen, um zu predigen. Dabei geht es nicht um glänzende Reden, sondern darum , Zeuge für Gott zu sein. - So heißt es im griechischen Text an dieser Stelle: Zeuge für Gott zu sein!
Theodor Fontane hat einen Roman geschrieben über den märkischen Gutsherrn Stechlin. Als der alte Stechlin im Sterben lag, empfing er keine Besuche mehr. Nur Lorenzen hatte noch Zutritt, das war der Pfarrer. Und der kam meist nur, wenn er gerufen wurde. „Sonderbar, sagte der Alte, während er in den Frühlingstag hinaus blickte, dieser Lorenzen ist eigentlich gar kein richtiger Pfarrer. Er spricht nicht von Erlösung, auch nicht von Unsterblichkeit; und es ist beinah, als ob ihm so was für alltags zu schade sei. Vielleicht ist es aber auch noch etwas anderes, und er weiß am Ende selbst nicht viel davon.“
Schließlich lässt Theodor Fontane den märkischen Gutsherrn auf Schloss Stechlin sagen: „Anfangs habe ich mich darüber gewundert, weil ich mir immer sagte, ja so ein Talar- und Bäffchenmann, der muss das doch schließlich wissen. Der hat doch sein drei Jahre studiert, und eine Probepredigt gehalten; und ein Konsistorialrat, oder gar ein Generalsuperintendent hat ihn eingesegnet, und ihm und noch ein paar anderen gesagt: „Nun gehet hin und lehret alle Heiden!“ Und wenn man das so hört, dann, ja, dann verlangt man denn auch, dass so einer weiß, wie es um einen steht. Ist gerade wie mit den Doktors. Aber zuletzt begibt man sich und hat die Doktors am liebsten, die einem ehrlich sagen: „Hören sie! Wir wissen es auch nicht. Wir müssen abwarten.“
Der alte Stechlin also findet sich damit ab, dass sein Pfarrer nicht so viel weiß von Erlösung und was nach dem Tod ist. Und er sagt sich : „Hauptsache ein ehrlicher Mensch, der einem nichts vormacht. Von diesen Dingen kann man eben nichts wissen.“
Nun da ist Paulus anspruchsvoller. Er schreibt doch: Gott hat etwas offenbart! Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und was aus keinem Menschenherzen aufgestiegen ist, das hat Gott im Verborgenen zubereitet , und davon weiß ich etwas. Was ich weiß, ist Jesus Christus, und zwar als der Gekreuzigte; und das hat etwas mit Erlösung zu tun, und entsprechend natürlich, auch mit dem ewigen Leben, also mit dem, was auch nach dem Tod noch gültig ist. Dafür bin ich Zeuge, das ist meine Kompetenz, mein Fachwissen.
Das ist seine Botschaft, Jesus Christus und zwar der Gekreuzigte . Das heißt, dass Gott ein Opfer gebracht hat, dass er seinen Sohn, dass er das liebste was er hat, eigentlich sich selber, hergegeben und geopfert hat. So, wie man Opfer bringt, wenn man etwas wieder gut machen will, wofür man sich verantwortlich fühlt, obwohl man die Verantwortung sehr gut auch ablehnen könnte: z.B. wenn man für den Schaden aufkommt, den die eigenen Kinder angerichtet haben. Wenn man aufräumt, was sie durcheinander gebracht haben. Wenn man den Dreck weg macht, den sie hinterlassen haben. Z.B. wenn man eines Tages Rechnungen begleicht für erwachsene Kinder, die Schulden gemacht haben. Man kann sie doch nicht hängen lassen. Es sind ja schließlich die eigenen Kinder. Aus Liebe tut man so etwas, und im gewissen Maße ist es auch selbstverständlich.
So und genau das nun, sozusagen im Extrem, bis zur Selbstaufopferung: Das ist das Wort vom Kreuz : „ So sehr hat Gott die Welt geliebt“ ! So viel hat er sich das kosten lassen, für den Schaden aufzukommen, den Menschen angerichtet haben. So weit ist ER gegangen. Bis zum Einsatz seines Lebens, weil ER uns auf keinem Fall hängen lassen wollte.
Das ist hier gemeint. Paulus schreibt: Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen, als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Das ist es.
( 3.) Jesus Christus, der Gekreuzigte
Aber viele können damit nichts anfangen. Sie sehen den Schaden nicht, den sie angerichtet haben! Wie leichtsinnige Kinder, setzten sie sich darüber hinweg. Sie erinnern sich an nichts oder sie verschweigen die Hälfte. Sie haben es nicht so genau genommen, sondern gemeint, es wird sich schon unter der Decke halten. Sie haben es aus ihrem eigenen Bewusstsein verdrängt.
Das ist der Zustand der Menschheit: Dass man sich kaum Rechenschaft gibt über den Schaden, den man anrichtet, z. B. in der Seele der Menschen, mit denen man Umgang hat. Und man merkt es oft wirklich nicht, weil man zu sehr mit sich selber beschäftigt ist. Das ist natürlich ein Mangel. Deswegen kommt man so schlecht miteinander aus. Die Unvollkommenheit besteht darin, vor allem darin, dass man nicht einmal wahrnimmt, welchen Schaden man anrichtet, und was also behoben und wieder gut gemacht werden müsste.
Man ergreift die Flucht nach vorne. Man meint, man könne mit neuen Zielen und neuen Erfolgsprogrammen über den Scherbenhaufen hinweggehen, den man zurücklässt.
Dann fragt man : „Was soll das, mit dem Gekreuzigten? Wir brauchen etwas anderes! Neue Wege, neue Ideen, vorwärts treibende Konzepte, - das brauchen wir! Maßnahmen, die man ergreifen kann!“
Bis mir einmal die Augen aufgehen. Bis ich merke, dass ich nicht einfach über das hinweggehen kann, woran ich schuld bin, weil ich sonst diese Unvollkommenheit immer nur weiterschleppe. - Bis ich merke, dass das alles einmal auf den Tisch muss und vorbehaltlos ausgesprochen gehört, ausgesprochen vor Gott, - gebeichtet.
Gott sei Dank – gibt es Zeugen für Gott. Die können sagen: Da weiß ich etwas. O.k., ich weiß zwar nicht, wie das Problem sich lösen lässt. Dafür fehlt mir der Durchblick. Da bräuchte man in der Tat Kompetenz, Weisheit wie diese Welt sie erfordert. Und da müsste man Einfluss haben, wie die, die zur Zeit an der Macht sind, „die Herrscher dieser Weltzeit“ (V6). Aber davon habe ich nichts.
Aber eins weiß ich: „Jesus Christus, der Gekreuzigte“ , das weiß ich. Den kenn´ ich. D.h. Gott nimmt sich darum an. Gott kommt für deine Schuld auf. Du wirst nicht sozusagen abserviert, sondern Gott rechtfertigt dich, durch Vergebung der Schuld, indem er sie auf sich nimmt.
Und auf einmal leuchtet einem das ein, und man atmet auf und fühlt Dankbarkeit und eine Zuneigung zu Gott, - Liebe, dass er so viel aufgewendet und sich selbst hergegeben hat, Liebe, dass er uns hier beschenkt hat. Und da wächst einem Kraft zu. Und die Predigt von „Jesus Christus dem Gekreuzigten“ wird zu einer Quelle. Da schaut Gott mich an. Gottes heilsamer Blick ruht auf meinem unheilvollen Leben.
Da kommt, wie wir gesungen haben, ein Licht in mein Herz: „Du sollst sein meines Herzens Licht“ (EG 83,4). Es ist Gottes Freundlichkeit, die mich hier anschaut.
(4.) Die Weisheit Gottes
Wenn jemand bis zu diesem Punkt gekommen ist, wenn jemand in diesem Sinn vollkommen ist, dann geht ihm auf, dass das Wort vom Kreuz das Klügste und Weiseste ist, was man sich denken kann: „göttliche Weisheit“. Sie lässt sich allerdings nicht in einer zwingenden Beweisführung darlegen. Wenn man sie weitervermitteln will, stößt man rasch an seine Grenzen. Denn man muss zuerst zu dem Punkt geführt werden, wo einem der Schaden, den man selbst angerichtet hat, quälend auffällt. Sonst hängt das Wort vom Kreuz irgendwie in der Luft. Und es bleibt einem verborgen, undurchsichtig.
Der alte Stechlin war mit seinem Pfarrer eigentlich ganz zufrieden. Er hatte sich gerne mit ihm unterhalten. Er war umgänglich, intelligent und belesen. Man konnte gut mit ihm reden. Bis Stechlin an den Punkt kam, wo er eigentlich etwas von Erlösung hätte hören müssen. Aber da blieb der Pfarrer stumm. Der alte Stechlin bekam nichts davon zu hören, wie sein Leben vor Gott steht. Davon wusste der Pfarrer allem Anschein nach auch nicht viel. Und dadurch verschloss sich die momentane Sehnsucht des Alten, - diese Sehnsucht nach dem, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was aber Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.
„Nun, Lorenzen ist eben auch nur ein Mensch, und kann von solchen Dingen nichts wissen.“
Ja, das war immer die Weisheit dieser Welt, dass man davon nichts wissen kann, und dass es also auch keine Rolle spielen würde. Man muss sehen, wie man sich durchsetzt, und dass man an der Macht bleibt.
Das Wort vom Kreuz hat zwei Seiten: Die eine, die große Liebe Gottes, die bereit ist jedes Opfer zu bringen. Die andere Seite, ist die Brutalität und Gewalttätigkeit der Menschen, die ausmerzen was ihnen nicht in den Kragen passt. Nach dem Kalkül derer, die Macht ausüben auf dieser Welt, wurde der Herr der Herrlichkeit gekreuzigt. Dass dieser Missgriff passieren konnte, wie die üblichen Gräuel an wehrlosen Opfern in Kriegszeiten überall auf der Welt, wie die Vernichtung werdender Kinder, wie die Euthanasie, die man bezeichnet als die Beseitigung von Pflegefällen. Das alles zeigt so auch die Hinrichtung. Die Kreuzigung des Herrn der Herrlichkeit zeigt die Unvereinbarkeit dessen, was die Welt für zweckmäßig hält mit dem, was vor Gott richtig ist.
Der Apostel schreibt: Wir reden von der heimlichen, verborgenen Weisheit Gottes, die Gott verordnet hat, vor der Zeit der Welt, zu unserer Herrlichkeit. Einen Augenblick lang hatte der alte Stechlin, so etwas von seinem Pastor erwartet: etwas von dieser Herrlichkeit aus den Tiefen der Gottheit, von diesem Freudenschein, von dieser Erlösung. Aber dann kam nichts, und da gab sich der Alte zufrieden. Wo sollte es ihm auch herkommen? Hauptsache, der Pfarrer ist dynamisch und bringt „frischen Wind“, Hauptsache, er kann diese tun und jenes auch noch mit anpacken, kontaktfreudig und aktiv. Aber Paulus sagt:
„Nein, das ist nicht die Hauptsache, sondern, dass man etwas weiß von Jesus Christus dem Gekreuzigten.“
Amen!
zurück
|